“Gefährliches Mitleid” – “Rückblick”

Donnerstag, 27. Dezember 2007
Immer wieder kommt es bezüglich des Auslandstierschutzes zu absurden Schlussfolgerungen. In diesem Thema sollen einige Antworten gegeben werden…

Stern-Bericht vom 15.12.2005 “Gefährliches Mitleid” :
http://www.db-tierhilfe.de/images/stern-leserbrief/bericht-stern.htm

Leserbrief von Dr. med. Wilfried Müller
Dr. med. Wilfried Müller
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Fachkunde Rettungsdienst/Leitender Notarzt
Certifikate Flugmedizin/Überdruckmedizin/Tauchmedizin/Akupunktur
CPL-IFR Theorie Fluglehrer im Fach Flugphysiologie

Tel.: +49-(0)2268 9090920
Fax: +49-(0)2268 9090921
Mobiltel: +49-(0)172 2176552
E-mail: Dr.Wilfried.Mueller@t-online.de Schultheismuehle@t-online.de
Internet: www.mediapark-klinik.de
www.anaesthesie-koeln.de
Datum: 27.12.2005

Sehr geehrte Damen und Herren,
es folgt ein Leserbrief zu Ihrem Artikel “Gefährliches Mitleid” in Stern 51/2005:
Zunächst suchte ich auf der Artikelseite den üblichen Hinweis “Anzeige”. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass dieser Artikel seitens der Rassehunde-Zuchtverbände initiiert sei!
Natürlich ist das “Tier in Not Istanbul – Beispiel” nicht stellvertretend für den im Süden und Osten Europas. Dies verschweigt allerdings Ihr Artikel. Er soll ja auch nicht abgewogen aufklären, sondern vielmehr “Stimmung machen” und in erster Linie Ängste schüren. Deshalb hätte die Headline “Gefährliche Halbwahrheit” dem Artikel sicherlich besser zu Gesicht gestanden.
Wenn Tierschutz so betrieben wird, wie viele redliche Tierschutzvereine und Organisationen diesen verstehen, sind die in der Regel entwurmt, ärztlich untersucht, kastriert, gechipt und geimpft. Addieren Sie lediglich diese 5 Positionen, erscheinen EUR 220 Schutzgebühr geradezu lächerlich. Dieser Betrag kommt vielerorts alleine durch die Kastration zu Stande. Dann davon zu sprechen, dass das Geschäft mit Straßenhunden ein extrem lohnendes Geschäft ist (Org. Veterinärin Wilczek) zeigt nur die Ahnungslosigkeit dieser Frau! Eigentlich sollte ihre Aufgabe doch sein, geschundenen und gepeinigten Tieren, egal welcher Herkunft, zu helfen. Dass sie dies schon nicht im eigenen Land beherrscht, veranschaulichte der vor kurzem stattgefundene Schweinezucht-Skandal in Hessen, in dem sie eine unglückliche Rolle spielte und der auch reichhaltig die Medien bewegte. Es ist erschreckend, welches Personal der Steuerzahler hierzulande bezahlen muss.
Tierschützer und tierliebe Urlauber, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, mit Drogenkuriere zu vergleichen, schlägt dem Fass den Boden aus. Zunächst sei festgestellt, dass grundsätzlich der Besitz von Drogen eine Straftat darstellt. Der Besitz von Hunden ist derzeit noch nicht strafbar. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass hier andere, persönliche Interessen im Spiel sind. Die Leidensgeschichte vieler Tiere kommentiert hier offensichtlich jemand, der sich bis heute nie ernsthaft mit dem Thema Tierschutz jenseits deutscher Grenzen befasste. Bevor ich das Leid vieler Tiere in Süd- und Osteuropa bagatellisiere, würde ich lieber Schweigen empfehlen.
Wenn viele Urlauber “Ihre” Promenadenmischung aus dem Ausland mitbringen, so ist die Gefährlichkeit, dass diese Hunde Mittelmeerkrankheiten in sich tragen, genauso zu bewerten, wie Hunderttausende von Tierliebhabern die jährlich ein- und mehrmals mit Ihrem vierbeinigen Gefährten ins Ausland in den Urlaub fahren und dann verständlicherweise mit diesem auch wieder zurückkehren.
Hier noch ein paar Fakten: Leishmaniose beim ist nicht heilbar, aber behandelbar. Bei vielen Hunden, die den Erreger in sich tragen, bricht die Krankheit nie aus, viele werden mit und nach Behandlung sehr alt. Leishmaniose wird nicht vom übertragen sondern von der Sandfliege. Dieses vorrangig in Südeuropa vorkommendes Insekt sticht einen Leishmaniose-infizierten und ist dann im Stande, unter Umständen diese Erkrankung mittels Stich auf einen gesunden zu übertragen. Ob alsdann bei diesem die Leishmaniose ausbricht, ist keinesfalls gesichert. Auf Grund globaler Erwärmung kommt die Sandfliege in einigen wenigen Landesteilen Deutschlands gelegentlich vor. Im übrigen hat die WHO (Weltgesundheitsorganisation) veröffentlicht, dass weltweit 12 Mio. Menschen mit Leishmaniose infiziert sind, und jährlich 2 Mio. Neuinfizierte hinzukommen. Hier sei aber zu bemerken, dass diese Leishmanioseart ein gänzlich anderer Stamm ist.
In Zeiten der kurzen Wege, in denen das fernste Ausland nur wenige Flugstunden von uns entfernt ist, schwindet die Möglichkeit gänzlich, uns hier in Deutschland als abgeschlossenes Areal zu betrachten.
Natürlich müssen Hunde, die ins Land kommen, einen gültigen und “stehenden” Tollwutschutz haben. Aber gerade in Deutschland zu befürchten, dass die Tollwut zu uns ins Land geschleppt wird, ist geradezu lächerlich. Da hätten die meisten europäischen Länder weitaus mehr Grund, sich gegen uns abzuschotten, denn Deutschland ist definitiv ein Land mit nennenswerten Tollwutgebieten. Und diese wurde wohlgemerkt nicht importiert.
Es wäre schön, wenn sich möglichst viele Besitzer des von Ihnen bezeichneten Restmülls der Importvereine bei Ihnen melden, und Ihnen davon berichten, wie sozialverträglich, anpassungsfähig, zuneigungsbedürftig und dankbar diese Tiere aus dem Süden Europas sind.
Bei allem Respekt vor Frau Feddersen-Petersen. Ich teile in vielen Bereichen ihre Meinung. Aber das “vor Ort kastrieren und wieder aussetzen” scheitert vielerorts an der Mentalität und dem Verantwortungsbewusstsein der Behörden, in erster Linie aber am klassischen Touristen, den auch in großer Zahl Deutschland stellt. Dieser Tourist bereist für 14 Tage Südeuropa und erwartet in der Regel hundefreie Strände und Ferienregionen. Um den Tourismus nicht zu gefährden, wird weggefangen, was nur zu fangen geht. Die staatlichen Tierheime quellen über.
Im letzten Absatz wird der Höhepunkt erreicht, in dem fachmännisch festgestellt wird, wie sich das übliche Hundeverhalten in bezug auf die angestammten Reviere beurteilt wird. Dort wird beschrieben, dass nachlassendes Konkurrenzverhalten eine längere Lebenserwartung der dort verbleibenden Tiere nach sich zieht. Ja hoffentlich !! Oder wäre es dem Vortragenden lieber, durch möglichst hohe Population die Lebenserwartung der dort lebenden Hunde drastisch zu senken?
Schade, dass eine derart einseitige Beleuchtung der Situation gepaart mit der massiven Schürung von Ängsten um Gesundheit und Wohlergehen Einzug in Ihre Seiten fand. Das Sommerloch sollte doch seit geraumer Zeit vorbei sein.
Es grüßt ein Halter von 8 Hunden, darunter 6 Südenhunde, darunter 4 Leishamionsepositive,
Dr. Wilfried Müller

mehr /weiter lesen

Tags: , , ,

Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag via RSS 2.0 Feed erfolgen. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von deiner eigenen Seite.

Hinterlasse eine Antwort

XHTML: Diese Schlagwörter kannst du nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>