Die alte Galga

Die alte Galga

von AndreaSeiler am Sa Aug 30, 2008 10:50 pm

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Galga
- das ist die weibliche Form des spanischen Namens für Windhund. Es klingt irgendwie edel … und erinnert daran, dass diese Tiere einst Luxusbesitz der Adeligen waren. Luxus und Statussymbol. Nur dass Status in jeder Gesellschaft immer neu bewiesen werden muß – und wie kann man seinen übergroßen Reichtum besser demonstrieren, als indem man ihn vernichtet? Die schönen wurden Opfer ihrer Rolle als Luxustiere, und bald erwarb der Edelmann am meisten Neid und Achtung, der die meisten getöteten zur Schau stellen konnte. Und ihr Name hat daher im Deutschen einen grotesk bitteren Beigeschmack, denn sie wurden meist einfach erhängt – die Bäume mit ihren verrottenden Leichen waren bald ein neues Statussymbol.
Die ehrenvolle Rolle eines Statussymboles haben die Galgos längst verloren, aber den Fluch ihres Namens haben sie behalten. Noch immer ist es in die übliche Art, diese Tiere loszuwerden, indem man sie aufhängt.

Dinah wurde nicht aufgehängt.
Sie wurde auf der Straße gefunden.
Sie hatte Glück, sie kam in eine Auffangstation, die von Tierschützern betrieben wurde, und wurde nicht wie so viele andere auf die schnellstmögliche und billigste Weise umgebracht. Sie wurde sauber gehalten und gefüttert, und als es ihr schlecht ging, wurde sie sogar in eine Pflegefamilie aufgenommen und wieder aufgepäppelt, bis sie schließlich zu mir kam.

Sie wurde auf der Straße gefunden, und das ist schon alles, was wir von ihrer Vergangenheit wissen.
Über alles andere kann man nur Vermutungen anstellen.

Ihr Körper ist übersäht mit den Narben und Spuren alter Verletzungen, aber ihr Gemüt ist davon unberührt geblieben. Sie hat keine Angst von Menschen, und ihr ganzes Wesen strahlt eine Ruhe, Würde und Gelassenheit aus, die einen beunruhigt – und beschämt.
Wie kann es sein, dass sie so ohne Ängste ist, so voll Ruhe und Vertrauen, nach all dem, was sie erlebt haben muß?
Denn sie ist alt, viel älter als die meisten Galgos in Spanien jemals werden.

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Ihr ganzer Körper besteht aus Narben und Abzeichen ihres Alters, oder eher, ihres langen Lebens. Die sichtbaren Narben auf der Haut von Läufen, Brust und Rücken mögen noch nicht einmal die Spuren der einschneidensten Erlebnisse gewesen sein. Viele sind einfach Zeichen einer langen Zeit des Ausgenutztwerdens. Kaputte Zähne, Nervenschäden in den Beinen. Und viele Spuren sind innerlich, zeigen sich nur dem Tierarzt. Eingeweidebruch, Verwachsungen in der Bauchhöhle, abgetrennte Daumenkrallen.

Vielleicht ist das auch ein Grund für ihre würdevolle Ausstrahlung. Jemand, der so viel erlebt und überlebt hat, sieht die Welt mit anderen Augen an, und dieser Blick in den Augen erweckt Ehrfurcht in denen, die ihn sehen.

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Dinah spricht nicht zu mir, sie ist stumm.
Nur wenn sie einmal angerempelt wird, und das passiert manchmal, wenn sie in ihrer stillen und unauffälligen Art neben einem herläuft, oder wenn ein , der neben ihr liegt, sich im Schlaf umdreht, gibt sie ein kurzes, seltsam stöhnendes Aufjaulen von sich, ein heiserer Laut, als hätte sie schon vor langem ihre Stimme verloren.

Auch ihr Blick ist geheimnisvoll und schwer zu deuten. Aufmerksamkeit kann man darin lesen, und ergebene Gelassenheit, und ein tiefes Ruhen, beinahe Abgeschottetsein in sich selbst. Aber ihre Vergangenheit und Träume (denn Hunde träumen, daran besteht kein Zweifel) kann man in ihren Augen nicht lesen.

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Vielleicht muß ich für sie träumen…

Ob ihr wohl manchmal Erinnerungen an ihre Welpen kommen?
Aber vielleicht waren es einfach zu viele, um sich zu erinnern. Zu viele Würfe, zu viele Welpen, die empfangen, geboren, gesäugt wurden, um dann plötzlich zu verschwinden und nie wieder aufzutauchen. Die ersten Male mag sie vielleicht in ihrem einsamen Zwinger getrauert haben, mag in ihren Träumen gejault oder liebevoll geseufzt haben, bis ihre nächste Läufigkeit ihr einen neuen Bauch voller Jungen bescherte. Vielleicht blieben ihr anfangs Bilder im Gedächtnis von mehr und immer mehr jungen, fiependen, spielenden und verschwindenden Welpen, bis sie in dem ständigen Wechsel von Ankunft und Trennung irgendwann ineinander übergingen und zuletzt nur noch einen verschwommenen Schatten des Alltags bildeten, vor dem sie dann in der langen Zeit verblaßten.

Oder träumt sie vielleicht vom Jagen?
Die Unruhe eines frühen Herbstmorgens, Menschen, Autos, gelegentliches Aufjaulen anderer Hunde. Der grobe Strick um den Hals, (derselbe, der nach einer enttäuschenden Jagd das Leben beenden wird), immer dicht hinter dem Jäger, im Körper die ständige Angst, dass einer falsche Bewegung brutaler Schmerz folgt. Und dann auf dem Feld, das aufmerksame Spähen über Dornbüsche, Abflußgräben und Feldraine. Dann das heiße Aufzucken einer Bewegung. Bellen der aufgeregten Hunde, gefolgt von Winseln und Schmerzensschreien. Endlich die Erlösung, wenn die Leine fällt und das wilde, erbarmungslose Hetzen beginnt. Gnadenlos, rücksichtslos, bis die Muskeln verkrampfen, der Atem stockt und das Herz aussetzt, erst beendet mit dem Todesschrei eines Tieres, einem Schuß, oder dem schmerzhaftem Krachen gebrochener Zweige, schwer stürzender Hunde und splitternder Knochen… Traum oder Alptraum…

Und dann zurück in den Alltag, das wirkliche Leben.
In den Zwinger, das Kellerloch, den dunklen Stall. Ein Napf, manchmal mit Futter und manchmal mit Wasser gefüllt. Harter Betonboden, die Wände rauh und unverputzt. Zwei Schritte von einer Wand zur anderen, drei Schritte von einer Ecke zur anderen. Zwei Schritte – Schluß. Drei Schritte – Schluß. Im Liegen berühren Kopf und Schweif die Mauern des Zwingers, die Grenzen der Welt. Die Welt beginnt am Morgen mit einem leeren Napf – zwei Schritte – Schluß – drei Schritte – Schluß – und endet des Abends mit einem leeren Napf. Ein endloses Ende aller Schritte, eines jeden Tages, vom Morgen bis zum Abend…

Die Träume eines Galgos.

Was Dinah träumt – ich kann es nur ahnen…

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Aber Dinahs Träume sind friedlich.
Sie jault nie auf im Schlaf, zittert auch nicht. Sie läuft.
Wenn sie tief schläft, fangen ihre Hinterbeine langsam an, sich zu bewegen. Erst kurze, dann immer kräftigere Bewegungen ihrer Pfoten, bis sie regelrecht zu strampeln scheint.
Sie läuft. In ihren Träumen rennt sie, mit schnellen, kräftigen, unermüdlichen Sprüngen, rennt, ohne anzuhalten oder langsamer zu werden, pausenlos, minutenlang. Sie gibt keinen Laut von sich, sie zuckt nicht mit der Nase oder den Ohren, sie jagt nicht, sie rennt einfach nur.
Nicht mehr gefangen durch einen Strick am Hals, harte Kommandos eines Jägers oder heimtückisches Gelände.
Nicht mehr beengt durch Mauern, Gitter und gebremste Schritte.
In ihren Träumen erlebt sie die Freiheit zu rennen, eine grenzenlose Weite ohne Ziel, ohne Hindernisse, ohne Gefahren, ohne Wände und ohne Ende.

Lebst du deine Seele in deinen Träumen, Dinah? Deine große, wunderbare Seele, die in deinem verkrüppelten Körper zu wenig Platz hat; die gefesselt ist durch dein Alter, deine Verletzungen, deine Krankheiten?

Oder lebst du sie in deinem großen, wunderbaren Herzen, das du mir an deinem Lebensabend geschenkt hast?
In dem tiefen Blick, der manchmal von der Liebe zu mir spricht. In der stummen Trauer, wenn du von mir getrennt sein mußt. In dem zufriedenen -lächeln, wenn du mit mir schmusen kannst. Und dem fröhlichen, welpenhaften, durch das Alter noch unbeholfener wirkenden und noch bezaubernderen Herumtollen und -springen, wenn wir draussen sind.
Lebe mit mir deine Träume, geliebte Dinah!

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Dinah hat Krebs.
Wie lange sie ihn hat, wer kann das sagen? Sie lebt jetzt – mit ihrem Krebs – bereits seit über einem Jahr bei mir, und wirkt noch genauso würdevoll und unbeschwert wie damals, als ich sie zum ersten Mal sah.

Sie hat ein langes Leben gehabt, und die vielen, vielen Leiden und Freuden haben ihren Körper gezeichnet, aber nicht zerstört. Und sie hat lange gelebt mit dem Krebs, und auch er hat sie nicht zerstört. Eine Operation wird daran nicht viel ändern, aber Dinah neues Leid zufügen. Obwohl sie auch das auf sich nehmen würde…
Denn das Akzeptieren des Lebens und des Leides und der Freude – das ist die Stärke ihrer Seele und ihres ungebrochenen Herzens, und nicht der Kampf…

Also werden wir auch den Krebs nicht bekämpfen, sondern ihn akzeptieren als einen Teil ihres Lebens, der sie bis zum Ende begleiten, aber nicht zerstören wird.

Und wenn sie stirbt, dann nicht, weil sie einen Kampf verloren hat, der nicht zu gewinnen war. Sondern weil sie ihren langen, langen Weg zu ende gegangen ist, wie sie ihn begonnen hat. Mit allen Bitternissen und Freuden, mit allen Hoffnungen und Enttäuschungen, mit allen Zweifeln und Verlusten, Qualen und Ängsten, die sie in den übervollen und leeren Tagen ihres Daseins erlebte. Und die sie als ihr Schicksal mit ihrer stolzen Seele und ihrem ruhigen Herzen aufnehmen und akzeptieren konnte, ohne davon zerstört zu werden.

Und ich werde Dinah begleiten, ihre Träume mitträumen, bis zu dem Tag, wo ihre Träume wahr werden und ihre Wirklichkeit kein Erwachen mehr kennt, wo sie alle ihre Narben, Schwächen und Erinnerungen für immer ablegen kann und ihre Seele frei wird zu laufen, laufen, laufen. Mit weiten, schnellen Schritten, kraftvoll und unermüdlich, ohne Wände, ohne Grenzen, ohne Ende, bis weit hinter das Land über dem Regenbogen, und immer weiter.

Andrea Seiler

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